Die Jagd nach dem mysteriösen Bock

„Eine Geschichte aus unserer Jungjägerzeit“

Ich möchte heute von einem sehr schönen Jagderlebnis berichten. Dazu eine kleine Vorgeschichte. Ich bin Jungjäger in meinem zweiten Jagdjahr, Diana ist mir wie es scheint wohlgesonnen und ich konnte schon die ersten Erfolge erzielen. Ganz anders allerdings mein Jagdschwager Werner, irgendwie hat er sie wohl etwas vergrault. Werner war es leider noch nicht möglich ein Rehwild zur Strecke zu bringen. Aus seinen Mühen und Anstrengungen konnte er nur die Erfahrung mit nach Hause nehmen.

Wir hatten seit Wochen einen mysteriösen Bock im Revier bestätigt, der immer an der gleichen Stelle einstand. Ich konnte diesen Bock schon dreimal angehen. Er war sehr heimlich, hatte noch nicht ganz verfärbt und 2 kleine halb-Lauscher-hohe Spieße auf. Sein Träger war recht dünn und er hielt sein Haupt immer tief. Der Mysteriöse sah aus wie ein pirschender Wolf. Nach mehrmaligem Beobachten stellte ich fest, dass er den Träger gar nicht mehr nach oben brachte und ich besprach mit meinen Jagdherren, dass wir Ihn erlegen.

Also auf geht’s, Telefon in die Hand und Werner angerufen. Heute war es dann soweit. Nach morgendlichem Ansitz trafen Werner und ich uns zur Pirsch. Voller Euphorie und Tatendrang standen wir zwei dann im Wald. Wind gecheckt, Taktik besprochen und dann ging es auch schon los. Spannung pur.

Schritt für Schritt geht es langsam aber stetig voran, jeder knacks und jedes Geräusch bring uns zum Erstarren. Dann ANBLICK, umgedreht mit den Händen gefuchtelt, Aufregung! Da, da steht was! Beide die Gläser hoch und beobachten. Nach 5 Minuten bringt das braune Heck dann eine Geiß hervor, kaum hinterm Baum hervorgekommen, sichert sie schon in unsere Richtung und springt darauf auch gleich ab. Alles klar, wir müssen also noch ruhiger und vorsichtiger sein! Weiter geht’s. Kurz darauf, 10 Schritt weiter, gibt der Wald einen neuen Blick frei. Der von mir bestätigte Einstand liegt direkt vor uns. Fichtenhochwald mit einem Stangenteil Weißtanne, jetzt gilt es vorsichtig und leise voran zu gehen.

Glas hoch und jeden Zentimeter absuchen. Einen Schritt weiter und das gleiche nochmal. Und da Tatsache wir haben ihn! Werner ist sofort im Anschlag und wartet auf den richtigen Moment. Ich, einen Baum weiter, habe ihn voll im Glas. Und dann: Er sichert, sieht er mich? Ich hoffe nicht! Er bewegt sich nicht und sichert in unsere Richtung. Voll eingefroren stehen wir da, leise atmend, ja keine Bewegung. Der Puls hört sich auf einmal so laut an, das Adrenalin strömt, jedes Geräusch jeder Windstoß um ein Vielfaches intensiver. Und dann: nein, er springt ab. Wir beide schauen uns an, Enttäuschung in beiden Gesichtern.

Wir entschließen uns zurück zum Ausganspunkt zu gehen und über einen Bogen von einer anderen Richtung nochmal anzugehen. Gesagt, getan. Kaum losgegangen, huscht etwas im Augenwinkel vorbei, zack Glas rauf, und? Hase! Puh, wir dachten schon wir haben den Schleicher übersehen. Weiter gings, doch der Anblick blieb uns aus. Ab zum Auto, wir hatten ja auch Revierarbeiten geplant und normal kommt ja zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen. Vom Auto aus konnten wir noch ein Schmalreh erblicken, das war es dann aber auch.

Während der Arbeit entschlossen wir uns noch einen letzten Versuch zu starten, schließlich sind ja alle guten Dinge 3. Mit neu entfachtem Ehrgeiz starteten wir also unseren letzten Versuch an diesem Tag. Waffe auf die Schulter, Glas um den Hals und Pirschstock in die Hand. Los geht’s! Wir entschlossen uns direkt auf die Weißtannenkultur zu pirschen, dort konnten wir Ihn ja heute Früh schon aufs Korn nehmen und die Vergangenheit zeigte, dass der Mysteriöse immer wieder nach kurzer Zeit dorthin zurückkehrte.

Jetzt oder nie ist das Motto. Fest entschlossen Werners ersten Bock zur Strecke zu bringen, geht es von Baum zu Baum. Unsere Blicke streifen von links nach rechts und zurück, höchste Anspannung. Immer wieder der Kontrollblick zum Kollegen mit Handzeichen. Dann geht die Hand von Werner hoch. „Stopp!“ Was ist da? Vorsichtig einen Baum weiter, Entwarnung. Meister Lampe machte einen Abgang. Dann wie vermutet ANBLICK, er ist tatsächlich da. Werner und ich sehen uns an und er zeigt mir deutlich: „Jetzt“. Ich hebe mein Glas und bestätige ihm nochmals, dass es der richtige Bock ist. Der Schleicher, der Mysteriöse mit seinem geduckten Gang und der grau-roten etwas stumpf wirkenden Decke. So ist der Moment also da. Ich kann die Situation in der Werner gerade steckt sehr gut nachempfinden, der erste Bock, das erste Stück überhaupt, noch dazu die lange Zeit mit Anblick aber keiner Chance und jetzt ist vielleicht der Zeitpunkt! Werner geht in Anschlag, ich mit dem Glas. Der Mysteriöse fest fixiert. Jetzt muss er nur noch breit stehen und Werner wird ihm die Kugel antragen. Die Zeit wirkt wie angehalten. Der Nieselregen, die leichten Winde durch den Wald, alles scheint in Zeitlupe zu vergehen. Dann auf einmal wird der Schleicher unruhig, irgendetwas stört Ihn, NEIN er zieht ab! Meine Blicke können ihm noch ein Stück folgen, dann verschwindet er in der Dickung. Au Mann, schon wieder! Normal sollten wir frustriert sein, aber das Erlebnis war so intensiv, dass wir mehr Freude empfinden als irgendetwas anderes. Das ist die Jagd!

Wir berieten uns nochmal kurz und entschieden uns das Waldstück bis an das andere Ende durchzugehen, da wir ja auf dem Weg vorhin noch das Schmalreh im Anblick hatten. Noch nicht ganz an der Stelle angelangt, ging schon wieder Werners Hand hoch und er deutete mir nach links zu blicken. Ich drehe mich um und schwupp springen 2 Stück Rehwild ab, in die nächste Dickung. Ich halte mein Glas auf die Dickung und hoffe im Unterholz etwas erblicken zu können. Nach ein paar Sekunden kann ich sogar ein weibliches Stück festmachen, welches im Unterholz steht und in unsere Richtung sichert. Wir warten in der Hoffnung, dass es das Schmalreh ist. 5 Minuten später zieht das Stück auch wieder aus der Dickung und uns bietet sich ein Anblick mit dem wir nicht gerechnet haben.

Eine Geiß zieht mit ihrem Kitz heraus und fängt auf 40 Meter an das Kitz zu säugen. Da schlägt das Jägerherz höher! Nach einer Weile des Beobachtens ziehen wir weiter und lassen die zwei links ab.

Schritt für Schritt machten wir Meter für Meter doch wir konnten nichts in Anblick bekommen. Vor uns die letzte Dickung vor dem Waldrand, noch 50 Meter und wir sind durch. Auf einmal bleibt mir fast das Herz stehen, rechts von uns auf circa 30 Meter zieht der Mysteriöse in die vor uns liegende Dickung. Mir fällt fast die Kinnlade auf den Waldboden. Er muss die ganze Zeit parallel zu uns gewesen sein und wir konnten ihn nicht erblicken. Das ist ein Zeichen jetzt muss es klappen. Werner positioniert sich und geht in Anschlag. Langsam äsend zieht der Bock voran, aber ich kann an Werners Blick durchs Zielfernrohr erkennen, dass irgendwas nicht stimmt. Kein freies Sichtfeld? Kugelfang? Der Schleicher bewegt sich immer weiter Richtung Waldrand und verschwindet links hinter einem eingezäunten Jungwuchs am Waldrand. Das darf doch nicht wahr sein, schon wieder nicht! Aber wenn er den Waldrand entlang zieht kommt er sicher nach der eingezäunten Fläche wieder in die Dickung, das heißt zurück und ab an die Dickung.

Dort warteten wir 10 Minuten und nichts geschah. „Jetzt müsste er aber langsam da sein“, ging mir durch den Kopf. Kurze Handkommunikation mit Werner ergab, dass wir zurück Richtung Waldrand gehen und dann zum Auto und nach Hause.

Nicht mehr ganz pirschend gingen wir los. An der Dickung angekommen sprang das Schmalreh ab und flüchtete rechts auf das freie Feld. „Es geht nochmal los“, dachte ich mir. „Wow, soviel an einem Tag!“ Ich voran mit dem Fernglas, um das Schmalreh auszumachen. Am Waldrand war da ein Gefühl, ich sollte sicherheitshalber mal noch links checken in die Richtung, in die der Mysteriöse verschwunden war, bevor ich in Blickrichtung des Schmalrehs komme. Ich schwinge mit dem Glas herum und traue meinen Augen nicht, da steht er! Ganz gemütlich auf der Wiese und äst. Ich drehe mich zu Werner um und flüstere „Da ist er, 100%.“ Seine Antwort: „Was? Nie im Leben! Sicher?“ Ja, er war es. Aber wie so oft schon an diesem Tag macht der Mysteriöse uns das Leben nicht gerade leicht. Er steht auf 80 Meter schön breit auf einer Kuppe. Einen Schuss anzutragen ist undenkbar. Dann kommt Werner eine glorreiche Idee. Wir haben einen alten Bodensitz, fast auf der Höhe des Bocks, der „Thron“. Den können wir von hinten angehen. Der Wind stimmt, also los. Die Dickung hinter dem „Thron“ müssen wir halb kriechend bewältigen, um so leise wie möglich zu sein. Werner geht die zwei Stufen nach oben und dreht sich um, zeigt mir den Daumen und grinst. „Ja, perfekt!“, denke ich mir und warte auf den Schuss. Es vergehen Minuten, aber nichts geschieht. Ich entschließe mich zu Werner vor zu kriechen. Am Sitz angekommen schaue ich auf das Feld und was ist? Nichts! Kein Bock! Was ist passiert? Da grinst Werner und sagt: „Der Hundling macht Siesta.“ Ich kann es kaum glauben, er hat sich tatsächlich 60 m vor dem Sitz ins Gras gelegt. Da sind wir nun, fest entschlossen auf dem „Thron“. Jetzt kann es doch nur noch eine Frage der Zeit sein. Wie war das, alle 2–3 Stunden? Werner bleibt im Anschlag und wir warten. Die Stimmung ist super, wir haben schon so viel erlebt, der Tag ist einfach nur Wow!
Nach 20 Minuten dann, er steht! Ja, er steht breit, alles passt und da bricht auch schon der Schuss. Gut gezeichnet geht er noch 20 Meter und tut sich sichtweit im Feld ab. Wow! Die Freude ist groß.

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